Julie Jaffrennou | Compagnie LaPerformance

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Eine Kunst ohne Schublade

Zwei Männer im Raum, auf der Bühne. Einer älter, einer jünger. Wer sind sie? Vater und Sohn? Liebende? Ein Machtgefüge? Alles ist möglich. Genau hier setzt die Arbeit von Julie Jaffrennou an.

Julie Jaffrennou ist Künstlerin zwischen den Formen. Ihre nonverbalen Performances entstehen im Spannungsfeld von Körper, Raum und Beziehung und setzen auf körperliche Bildsprache und das Herausstellen energetischer Zustände. Julie Jaffrennou nennt sie selbst „poetische Wege der Begegnung“, die im krassen Gegensatz zu globalen Krisen unserer Zeit „zwischen Spiel, Tanz und einfachem Dasein“ balancieren. 
Wer also in ihrer Kunst nach einer einzigen klaren Kategorie sucht, wird sie nicht finden. Und das ist kein Zufall.

Ursprünglich kommt Julie Jaffrennou aus der bildenden Kunst. Sie studierte an der École Nationale des Beaux-Arts in Angers und setzte ihre Ausbildung an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig fort. Dort arbeitete sie im Bereich Performance unter anderem bei Marina Abramović, im Bereich Film und Video bei Birgit Hein und setzte sich mit Butoh-Tanz bei Anzu Furukawa auseinander. Auch eine Ausbildung im Schauspiel und in der Regie prägt ihren Hintergrund. Diese unterschiedlichen künstlerischen Einflüsse erklären, warum ihre Arbeiten sich keiner einzelnen Sparte zuordnen lassen.

2012 gründete sie die Compagnie LaPerformance, mit der sie ihre künstlerische Arbeit im Ensemble kontinuierlich weiterentwickelt.

Heute arbeitet sie mit dem lebendigen Material des Körpers. „Ich nehme den Körper und entwickle damit Arbeiten“, sagt sie. Lange versuchte sie, ihre Kunst über Abgrenzung zu erklären. Doch über das „Nicht“ ließ sich nicht greifen, was ihre Arbeit trägt.

 

Der biografische Körper

Mit der Zeit fand sie einen Begriff, der beschreibt, wie sie mit Menschen auf der Bühne arbeitet: den biografischen Körper. Der biografische Körper meint den Menschen selbst. Mit seiner Geschichte, seinem Alter, seiner Persönlichkeit, seinen Brüchen und seiner Präsenz. Diese Aspekte werden nicht erzählt, sondern stehen im Raum.

Aus individuellen Körpern entstehen Situationen, die dem Publikum die Möglichkeit für eigene, freie Assoziationen lassen. Was gesehen wird, ist nicht festgeschrieben. Die Zuschauerinnen und Zuschauer bringen ihre eigenen Erfahrungen mit ein. Mehr noch, sie sollen genau das tun. 
 

Mehrdeutigkeit im Raum

In früheren Arbeiten wie „Zerbrechlichkeit und andere Geschichten“ wird dieses Prinzip besonders deutlich. Mehrere voneinander getrennte Räume öffnen sich wie eigenständige Erfahrungsräume. Die Menschen, die sich darin bewegen, eröffnen dem Publikum die Möglichkeit, individuell zu interpretieren, was dort eigentlich zu sehen ist. 
Gerade damit das möglich ist, darf, so Julie Jaffrennou, „Ambivalenz immer im Raum sein. Weil der Mensch einfach so ist. Wir tragen Macht, Fragilität, Verantwortung, Einsamkeit und so weiter, weil wir alle multi sind.“ Und dieses „Multi“, diese Mehrdeutigkeit möchte sie zeigen.

Auch der Raum selbst spielt eine aktive Rolle, wie sie hervorhebt. „Raum ist auch ein Protagonist.“ Bühnenbild, Leere, Nähe und Distanz beeinflussen, was entsteht. Selbst das Nichts zwischen zwei Körpern bekommt Bedeutung.

Tanz kann Teil ihrer Arbeiten sein, muss es aber nicht. Spiel ist ein Werkzeug. Stille ist eine Zutat. Julie Jaffrennous Alleinstellungsmerkmal liegt nicht in einer einzelnen Form, sondern in der Art, wie sie Material, Biografie, Ambivalenz und Raum zusammenführt – und damit Resonanz schafft. Poetische Erfahrungsräume schafft.

Aktuelle Produktion: Human Landscapes

Mit „Human Landscapes“ setzt die Compagnie ihre künstlerische Auseinandersetzung fort. Im Mittelpunkt steht der innere Konflikt des Menschen zwischen Verbundenheit mit und Ablösung von der Natur. Der Versuch, Natur zu nutzen und zu kontrollieren, hat eine Kluft entstehen lassen. Können wir in den von uns geschaffenen Systemen, die uns zugleich tragen und zerstören, weiterleben?

Auf der Bühne treten zwei als Dioramen konzipierte Universen in Resonanz: ein weibliches und ein männliches. Zwei Kompositionen einer konstruierten Natur. Protagonistinnen und Protagonisten mittleren Alters bewegen sich zwischen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Rollen. Ist das ein Abbild einer vergangenen Welt oder birgt die Zerbrechlichkeit des Menschseins den Keim für eine neue Gemeinschaft?

Förderung und Realität

Mitglied im LaFT BW ist Julie Jaffrennou mit ihrer Compagnie im Rahmen ihrer Förderpraxis. Lange erlebte sie den Verband vor allem über Antrags- und Förderstrukturen.

Wie viele in der freien Szene wünscht sie sich verlässlichere finanzielle Bedingungen. Besonders wichtig ist ihr die Wiederaufnahmeförderung, die sie gerne genauso stark gewichtet sähe wie die Förderung neuer Projekte. Stücke, die mit großem Aufwand entwickelt wurden, verschwinden oft nach wenigen Aufführungen wieder, weil Mittel fehlen, um sie weiterzuspielen. Für sie ist das nicht nur eine finanzielle Frage, sondern auch eine Frage der Nachhaltigkeit.

Auch die deutliche Trennung zwischen Freier Szene und institutionellen Häusern sieht sie kritisch. Mehr Kooperation, mehr geteilte Infrastruktur, mehr Verbindung, das wären aus ihrer Sicht wichtige Schritte.