Teilhabe ist kein Luxus.
Und sie ist auch kein Gunstbeweis. Sie ist ein Menschenrecht.
Gerade jetzt, Anfang Mai, wird wie jedes Jahr im Rahmen des „Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig echte Teilhabe ist. Und Teilhabe beginnt oft an einer Stelle, die viele unterschätzen: bei der Sprache.
Barrieren entstehen nicht nur in Gebäuden oder Strukturen. Sie entstehen auch in Sätzen.
In langen, verschachtelten Formulierungen.
In einem Gewirr aus Fachbegriffen und schweren Worten.
In einem Mix aus verschiedenen Sprachen.
Wer Inhalte nicht versteht, kann nicht teilnehmen. So einfach ist das.
Das gilt auch für Kunst und Kultur. Egal ob es um Texte ÜBER Kunst – wie Websites, Programmhefte oder Flyer – oder um die Kunst selbst geht: Sprache entscheidet mit, wer die Infos versteht, Zugang hat, wer das Theaterstück genießen oder das Buch verstehen kann.
Warum also nicht mehr Texte und mehr Kunst in Leichter oder Einfacher Sprache machen?
Natürlich gibt es Kritik, wenn Menschen solche Texte lesen.
Manche befürchten, dass Kunst an Tiefe verliert, wenn Sprache vereinfacht wird.
Andere fühlen sich durch Leichte Sprache unterschätzt oder denken sofort an Texte für Kinder.
Und tatsächlich verändert sich etwas, wenn Sprache klarer und reduzierter wird. Sätze werden kürzer. Metaphern und Bildhaftigkeit verschwinden, Zeitsprünge oder das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven werden erschwert oder fallen ganz weg. Es ist wie das Arbeiten mit einem Werkzeugkasten, in dem plötzlich einige Werkzeuge fehlen.
Aber genau darin kann auch eine Chance liegen. Wagen wir doch einmal das Experiment und denken an Literatur, die bewusst in die Reduktion geht. Oder an ein Theaterstück, das mit Minimalismus in der Sprache auskommt. Wir wären nicht die ersten, die diesen Weg gehen. Schon Bertolt Brecht arbeitete bewusst mit Reduktion. Künstlervereinigungen stellen sich selbst Aufgaben und schränken sich durch selbst auferlegte Regeln ein, um sich sprachlich weiterzuentwickeln. Und das Literaturhaus Frankfurt erarbeitete mit dem Piper Verlag und 13 großartigen zeitgenössischen Autor*innen bereits zwei Bücher mit Erzählungen in Einfacher Sprache. Bücher, die für alle gedacht sind. Für die Studentin ebenso wie für einen gerade erst Deutsch lernenden Menschen oder den 90-Jährigen, der sich vielleicht nicht mehr auf einen 500-Seiten-Wälzer konzentrieren kann. Um es mit den Worten des Projektleiters Hauke Hückstädt zu sagen: „Durch Reduktion ist schon immer gute Kunst entstanden.“
Wagen wir also das Experiment – möglicherweise ist es ja gar kein so großes Wagnis – und gehen wir davon aus, dass Verständlichkeit nicht automatisch Vereinfachung im negativen Sinn bedeutet.
Oft entsteht durch Reduktion etwas Neues: mehr Klarheit, mehr Rhythmus, mehr Direktheit. Vielleicht lernen wir unsere Art, Kunst zu machen, so von einer neuen Seite kennen. Und nehmen dabei ganz nebenbei noch eine ganze Menge mehr Menschen mit.
Mehr über Leichte und Einfache Sprache erfahrt ihr in unserem Workshop Leichte und Einfache Sprache in Kunst und Kultur.
Jetzt anmelden!